Obstbaumschnitt. Reihenfolge beim 1/10

Obstbaumschnitt. Reihenfolge beim …

Der erfolgreiche Schnitt von Obstbäumen ist in erster Linie eine Frage der Erfahrung. Als unerfahrener Hobbygärtner steht man selbst nach umfangreichem Lesen von Fachliteratur vor seinen Bäumen und fragt sich: wo fange ich an? Die Bäume in natura scheinen plötzlich ganz anders auszusehen, als auf den Bildern in der Fachliteratur. Lässt man sich dann aber von einem erfahrenen Gartenfreund helfen und das Für und Wider der Schnittmaßnahmen erläutern, gelingt es auf einmal, das Gelesene im Nachhinein richtig zu verstehen und anzuwenden.

Diese persönlichen Erfahrungen liegen inzwischen drei Jahrzehnte zurück. Nach „Hospitation“ während zweier Kampagnen wurde das Gelernte allein umgesetzt. Das verlief zwar anfangs noch sehr zögerlich. Aber mit jeder Kampagne wuchs die eigene Sicherheit. Trotzdem ist die oben gestellte Frage noch bis heute in jedem Jahr spannend geblieben. Der Maßstab allerdings, ob man sich mit dem Schnitt auf dem richtigen Weg befindet oder nicht, ist in jedem Falle die Entwicklung der Bäume und deren Erträge! Wenn das nicht zu beanstanden ist, hat man mit Sicherheit keine gravierenden Fehler bei den einzelnen Schnittmaßnahmen gemacht (siehe dazu meinen Beitrag „Schnitt von Obstbäumen“ in dieser Reihe).

Als oberstes Gebot sollten wir Hobbygärtner uns für den Obstbaumschnitt Zeit nehmen, niemals unter Zeitdruck schneiden und immer wieder Sichtkontrollen der Krone rund um den Baum herum vornehmen. Nach den eigenen Erfahrungen verläuft ein erfolgreicher Obstbaumschnitt in mehreren Phasen.

1. Phase: Betrachtung

Durch eine gründliche Besichtigung von allen Seiten verschafft man sich einen Eindruck davon, an welchen konkreten Stellen der Krone unbedingt ein stärkerer Eingriff notwendig ist und wie der Baum nach Abschluss der Schnittmaßnahmen aussehen soll. Ein Hobbygärtner berücksichtigt dabei gegebenenfalls auch verschiedene Dinge, die sich im Erwerbsobstbau gar nicht erst stellen, wie z. B. ausreichende Schattenspende für einen Sitzplatz, Anbringung einer Kinderschaukel oder Hängematte o. ä.

2. Phase: Grobarbeit

Zunächst entfernt man alle Äste, die steil nach oben, nach innen und nach unten wachsen sowie abgestorbenes und gebrochenes Holz. Ferner werden bei Bedarf nach eingehender Abwägung (!) größere Astpartien zur Auslichtung der Krone direkt am Haupttrieb oder an den Leitästen abgenommen. Alle diese Maßnahmen betreffen die gesamte Krone!

3. Phase: Feinarbeit

Jetzt werden die einzelnen Astebenen, bei einer Spindel auch Quirle genannt wie bei einem Nadelbaum, von unten beginnend nacheinander geschnitten. Dabei ist besonders zu beachten, dass sich gegenüberstehende Äste optisch möglichst annähernd lang sind, dass die Saftwaage erhalten bleibt (sämtliche Astenden einer Astebene befinden sich auf annähernd gleicher Höhe), und dass der Baum immer mehr die bereits in der Vision bestehende Form annimmt. Keinesfalls aber ziellos an allen Ästen herumschnippeln!

4. Phase: Abschluss

Zuletzt erfolgen nur geringfügige Nachbesserungen, sofern sie sich nach einer abschließenden gründlichen Besichtigung noch als notwendig erweisen. Ebenfalls sollte man prüfen, dass alle Schnittstellen in einer Größe ab 1 cm Durchmesser einschließlich eines kleines Randes vom Zweig bzw. Ast (Prinzip Kronendeckel Bierflasche) mit einem Mittel zum Wundverschluss bei Bäumen bestrichen worden sind, z. B. Baumwachs oder Lac Balsam. Das fördert die Überwallung der Schnittwunden und beugt Infektionen vor, z. B. durch Pilzbefall oder Insekten.

Fazit:

Das geschilderte Vorgehen ermöglicht einen systematischen Schnitt, der die Fehler, die bei einem sporadischen Schnitt zwangsläufig entstehen, zumindest weitgehend einschränkt.. Es besteht ein ständiger Überblick zum Stand der Schnittmaßnahmen. Der Entwicklung einer „ überbauten Krone“, wie es in der Fachsprache heißt, wird wirkungsvoll vorgebeugt. Ein ungleichmäßiger Schnitt der Astebenen führt nämlich den Naturgesetzen folgend zu ungleichem Wachstum. Dabei wächst eine Seite wesentlich stärker als die Gegenseite. Dadurch wird das Gleichgewicht des Baumes gestört und der Baum neigt sich jedes Jahr immer stärker, sofern keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Abgesehen davon ist ein verunstalteter Baum nicht gerade ein ästhetischer Anblick und schmälert so einen sonst guten Gesamteindruck von dem Garten.





Dr. Manfred Willkommen, Frankfurt (Oder) 1.10






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